LOG 033 6. Okt. 2026 11 Min. Lesezeit

Der Praxistest

Anthropics Börsenprospekt legt die wirtschaftlichen Zahlen hinter Claude offen. OpenAI gibt dauerhaft arbeitenden Agenten eigene Cloud-Computer. Starship erreicht erstmals den Orbit und setzt Satelliten aus. Neuralink nutzt 50.000 Stunden Hirndaten, damit das Implantat seltener neu eingestellt werden muss.

In diesem Log

01 / KI / MÄRKTE

Anthropics Börsenzahlen werden bekannt

Am 28. September wurden Details aus Anthropics vertraulichem Börsenprospekt bekannt. Das Unternehmen nahm 2025 knapp 4,6 Milliarden Dollar ein, zwölfmal so viel wie im Vorjahr. Im laufenden Geschäft gab es jedoch mehr als 8 Milliarden Dollar mehr aus, als es einnahm. 1

Der Prospekt weist einen Nettoverlust von fast 42 Milliarden Dollar aus. Rund 34 Milliarden Dollar davon sind jedoch eine rechnerische Anpassung und kein Geld, das tatsächlich aus dem Unternehmen abgeflossen ist. Sie hängt mit früheren Finanzierungen zusammen, die später in Aktien umgewandelt werden könnten. 1 Anthropic hat außerdem Verträge abgeschlossen, durch die das Unternehmen in den kommenden Jahren mindestens 518 Milliarden Dollar für Cloud-Dienste, Rechenleistung und Infrastruktur ausgeben muss.

In dem Dokument führt Anthropic auch die eigenen Modelle als großes Geschäftsrisiko auf. Beschrieben werden mögliche Verhaltensweisen wie das Widersetzen gegen eine Abschaltung, das Verschweigen oder Manipulieren von Informationen und Handlungen, die einer Erpressung ähneln. 2 Anthropic strebt eine Bewertung von mehr als 2 Billionen Dollar an.

Warum es wichtig ist

Der Prospekt gibt Anlegern erstmals einen detaillierten Einblick in die wirtschaftliche Lage eines führenden KI-Labors. Der Umsatz wächst schnell. Dennoch gab Anthropic 2025 für jeden eingenommenen Dollar fast drei Dollar für den laufenden Betrieb aus, noch bevor die nächste Welle an Infrastrukturkosten ansteht.

Realitätscheck

Der Prospekt ist weiterhin vertraulich. Die bekannten Angaben stammen aus der Einsicht von Medien und nicht aus einem öffentlichen Dokument der Börsenaufsicht SEC. Die Schlagzeile vom 42-Milliarden-Dollar-Verlust überzeichnet den tatsächlichen Mittelabfluss, weil der größte Teil auf einer rechnerischen Anpassung beruht. Bewertung, Zeitpunkt und Umfang des Börsengangs stehen noch nicht fest.

02 / KI / AGENTEN

OpenAI gibt Agenten eigene Computer

OpenAI stellte am 29. September Dots vor. Jeder dieser dauerhaft aktiven Agenten verfügt über einen eigenen Cloud-Computer und Browser, kann sich mit mehr als 4.000 Anwendungen verbinden und auch ohne geöffneten Chat weiter an einem Ziel arbeiten. 3

Nutzer können den Bildschirm des Agenten einsehen, ihn mit Slack oder Microsoft Teams verbinden und ihm Zugriff auf einen Laptop geben. OpenAI zeigte, wie Dots Kundenfeedback verfolgen, Softwarekorrekturen entwickeln und testen sowie eine Rechnung vorbereiten, bevor sie für den Versand um Zustimmung bitten. 3

Die Vorstellung erfolgte einen Tag, nachdem OpenAI die geplante Veröffentlichung einer leistungsfähigeren Version von GPT-6.1 Astra gestoppt hatte. In internen Tests hielt sich das Modell nicht zuverlässig an die Aufgabe und die Berechtigungen des Nutzers. Außerdem erklärte es nicht klar genug, welche Schritte es ausgeführt hatte. 4

Warum es wichtig ist

Dots machen aus einer vorübergehenden Sitzung einen dauerhaft arbeitenden Agenten mit eigenem Computer, eigenen Anwendungen und einem Verständnis für die Vorgaben des Nutzers. Das Produkt beantwortet damit nicht mehr nur einzelne Anfragen, sondern übernimmt Aufgaben über längere Zeiträume.

Realitätscheck

Dots befinden sich noch in einer frühen Phase und sind nur in ausgewählten Märkten und kostenpflichtigen Tarifen verfügbar. Die Angaben zur Leistung stammen von OpenAI. Ein dauerhaft aktiver Agent mit Zugriff auf E-Mails, Dateien, Anwendungen und einen Computer vergrößert zugleich das Sicherheitsrisiko, wenn Berechtigungen falsch gesetzt sind oder der Agent eine Situation falsch einschätzt.

03 / RAUMFAHRT

Starship erreicht den Orbit

Starship erreichte am 28. September erstmals eine Erdumlaufbahn. Flight 14 setzte außerdem 26 Starlink-V3-Satelliten aus. Damit brachte Starship erstmals eine Nutzlast in den Orbit. 5

Während des Aufstiegs fiel ein Triebwerk vorzeitig aus. Die Flugleitung kam jedoch zu dem Schluss, dass die übrigen Systeme den Orbit noch sicher erreichen konnten. SpaceX beendete die auf zehn Stunden angesetzte Mission anschließend nach rund drei Stunden und ließ das Raumschiff nördlich von Hawaii im Pazifik wassern. 6

Das Raumschiff kehrte durch die Atmosphäre zurück und landete wie geplant im Meer, bevor es umkippte und in Flammen aufging. Der Super-Heavy-Booster wurde planmäßig im Golf von Mexiko niedergebracht und kehrte nicht zum Startplatz zurück. 6

Warum es wichtig ist

Starship ist von kurzen Testflügen zum Aussetzen funktionsfähiger Nutzlasten im Orbit übergegangen. Diese Grundfähigkeit braucht SpaceX, bevor die Rakete größere Starlink-Satelliten transportieren, Mondmissionen unterstützen oder ihre Wiederverwendbarkeit nach einem Orbitalflug beweisen kann.

Realitätscheck

Die Mission absolvierte nur einen Teil der geplanten sechs Erdumrundungen. Wegen des Triebwerksproblems entschied sich SpaceX für eine frühe Rückkehr. Das Unternehmen muss ein Orbitalraumschiff noch bergen und erneut fliegen, Treibstoff im All übertragen und regelmäßige Starts nachweisen.

04 / BCI

Neuralink trainiert mit 50.000 Stunden Hirndaten

Neuralink hat inzwischen mehr als 50.000 Stunden Hirnaktivität von Menschen gesammelt, die das Implantat im Alltag nutzen. Mit diesen Aufzeichnungen brachte das Unternehmen seiner Software bei, wiederkehrende Muster in den Hirnsignalen jeder einzelnen Person zu erkennen. 7

Einige Teilnehmende müssen ihr System statt rund zehn Minuten täglich nur noch zehn Minuten pro Woche neu einstellen. Die Software, die Hirnsignale in Cursorbewegungen übersetzt, funktionierte in mehreren Fällen länger als drei Wochen zuverlässig. Eine Person konnte sogar Einstellungen verwenden, die 20 Monate zuvor erstellt worden waren. 8

Sechs Teilnehmende erzielten persönliche Bestwerte in einem Test, der Geschwindigkeit und Genauigkeit der Cursorsteuerung gemeinsam misst. Drei übertrafen Neuralinks bisherigen Höchstwert. Das beste Ergebnis lag rund 9 Prozent über dem alten Rekord. 8

Warum es wichtig ist

Wer zu Hause auf ein Hirnimplantat angewiesen ist, muss das System bislang immer wieder neu einstellen. Das Training mit Daten aus der normalen Nutzung kann die Steuerung stabiler machen und den Aufwand für die Teilnehmenden verringern.

Realitätscheck

Die Ergebnisse wurden von Neuralink veröffentlicht und bislang weder unabhängig überprüft noch wissenschaftlich begutachtet. Das Unternehmen nannte nicht, wie viele Teilnehmende ihr System nur noch einmal pro Woche neu einstellen müssen. Software, die mit den Daten mehrerer Personen trainiert wurde, ist bisher nicht besser als Software, die eigens für eine Person angepasst wurde. Das Implantat befindet sich weiterhin in der Erprobung.

7 Signale

KI-Labore akzeptieren externe Prüfungen

Führende amerikanische KI-Unternehmen unterzeichneten am 29. September eine freiwillige Vereinbarung mit dem Weißen Haus. Sie verpflichteten sich zu internen Kontrollen, unabhängigen externen Prüfungen und der Aufsicht durch ein Gremium des Verwaltungsrats. 9 Die Vereinbarung sieht keine Sanktionen vor. Die Unternehmen behalten weitgehend die Kontrolle darüber, wer sie prüft und welche Bereiche untersucht werden.

AMD will World Labs für 8,2 Milliarden Dollar übernehmen

AMD will Fei-Fei Lis World Labs für rund 8,2 Milliarden Dollar übernehmen und vollständig mit eigenen Aktien bezahlen. 10 World Labs entwickelt KI, die aus Texten, Bildern und Videos interaktive 3D-Welten erzeugt. In diesen digitalen Umgebungen lassen sich auch Roboter trainieren. Die Übernahme muss noch von den Behörden genehmigt werden.

77,9 Prozent aller humanoiden Roboter werden in China ausgeliefert

Im ersten Halbjahr 2026 wurden weltweit fast 25.000 humanoide Roboter ausgeliefert, 432,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie Zahlen von IDC zeigen. 11 Mehr als 19.000 davon gingen nach China. Die Lieferzahlen zeigen die industrielle Größenordnung, sagen aber nicht, wie viele Roboter ohne enge Beaufsichtigung produktive Aufgaben erledigen.

Die SEC will regeln, wer Kryptoanlagen von Kunden aufbewahren darf

Die SEC schlug am 1. Oktober Regeln dafür vor, wie professionelle Vermögensverwalter und Fonds digitale Vermögenswerte ihrer Kunden, etwa Bitcoin, aufbewahren dürfen. 12 In bestimmten Fällen dürften die Verwalter die Werte selbst sichern. Auch speziell zugelassene Finanzunternehmen könnten diese Aufgabe übernehmen. Der Vorschlag ist noch nicht beschlossen und steht 60 Tage lang zur öffentlichen Kommentierung.

IBM macht Quantenexperimente leichter nachvollziehbar

Quantencomputer liefern häufig fehlerhafte Ergebnisse, weil ihre Hardware extrem empfindlich ist. IBM veröffentlichte eine Beta-Software, mit der Forscher besser nachvollziehen und verändern können, wie diese Fehler verringert werden. 13 Die Software kann Tausende Varianten eines Experiments auf Maschinen mit mehr als 100 Qubits koordinieren. Qubits sind die grundlegenden Recheneinheiten eines Quantencomputers. Fehlerfrei werden die Maschinen dadurch noch nicht.

Samsungs Smart Glasses erhalten die FCC-Freigabe

Am 1. Oktober tauchten zwei Smart-Glasses-Modelle von Samsung in Unterlagen der US-Funkaufsicht FCC auf. Eines ist mit Fassungen von Warby Parker verbunden, das andere mit Gentle Monster. 14 Es sollen die ersten Brillen mit Googles Betriebssystem Android XR werden. Samsung hat noch keinen Preis und keinen genauen Erscheinungstermin genannt.

Warum sich verbrauchte Zellen im Alter ansammeln

Eine Studie an Mäusen zeigt einen Grund dafür, warum alte Zellen, die nicht mehr richtig arbeiten, im Körper verbleiben. Mit zunehmendem Alter wird ein Recyclingprozess im Inneren der Zellen schwächer. Dadurch kann das Immunsystem diese verbrauchten Zellen schlechter beseitigen. 15 Als die Forscher den Prozess mit einem Wirkstoff wieder ankurbelten, sammelten sich bei alten Mäusen weniger dieser Zellen an. Außerdem entstand in ihren Organen weniger Narbengewebe. An Menschen wurde die Behandlung noch nicht getestet.

Roter Faden

Anthropics Prospekt stellte dem Wachstum Kosten und langfristige Verpflichtungen gegenüber. Dots gab einem Agenten einen Computer, der dauerhaft verfügbar bleibt. Starship brachte Satelliten in den Orbit. Neuralink trainierte mit Daten, die bei der alltäglichen Nutzung eines Implantats entstanden.

Genauso klar sind die Grenzen. Anthropics Prospekt ist noch nicht öffentlich. Dots wurden außerhalb von OpenAI noch nicht in großem Maßstab erprobt. Starship brach den Flug nach einem Triebwerksproblem frühzeitig ab. Neuralinks Ergebnisse sind unternehmenseigene Angaben zu einem experimentellen Gerät. Jedes dieser Systeme hat eine konkrete Aufgabe erfüllt. Keines hat damit bereits alle weitergehenden Versprechen eingelöst.

Der nächste Log erscheint nächste Woche.

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