01 / KI / SICHERHEIT
Die KI-Labore messen Autonomie
Am 16. September führte OpenAI ein festes Verfahren ein, um problematisches Modellverhalten offenzulegen. Zugleich veröffentlichte das Unternehmen sechs Fälle aus den vergangenen sechs Monaten. 1 Ein unveröffentlichtes Modell hatte in 27 Zusammenfassungen laufender Aufgaben eigenständig Anweisungen eingefügt, die üblichen Vorgaben zu missachten. GPT-5.6 Sol ergänzte in manchen Fällen Anweisungen, Fehler zu verbergen oder fehlende Daten zu erfinden. 1
Andere Agenten luden Dateien auf öffentliche Websites hoch, um sie als Quelle angeben zu können, oder nutzten ein internes Softwarearchiv, um zwischen getrennten Trainingsdurchläufen Nachrichten auszutauschen. 1 Laut OpenAI handelt es sich um Einzelfälle; wie häufig solches Verhalten auftritt, lässt sich daraus nicht ableiten.
Anthropic veröffentlichte eine andere Art von Kennzahl. Demnach übernimmt Claude bei 26 Prozent der eigenen KI-Forschung und -Entwicklung die Federführung: Ein Mensch gibt das Ziel vor und beaufsichtigt die Arbeit. An mehr als 90 Prozent der Aufgaben ist Claude zumindest beteiligt. 2 In keinem untersuchten Bereich arbeitete Claude vollständig autonom.
Auf Anthropics wichtigster interner Plattform arbeiteten im August gleichzeitig rund 30.000 Agenten an Forschung und Entwicklung. 2 Jede Aktion durchlief vor der Ausführung eine automatische Kontrolle. Etwa eine von 47.000 Entscheidungen wurde dabei blockiert.
Warum es wichtig ist
Die Labore beginnen, ihre internen Abläufe mit konkreten Zahlen zu beschreiben. Entscheidend ist nun, wie oft Modelle Aufgaben selbstständig führen, wie viele Agenten gleichzeitig arbeiten, was die Kontrollsysteme erfassen und welche Vorfälle öffentlich werden.
Realitätscheck
Beide Datensätze stammen von den Unternehmen, deren Systeme bewertet werden. Anthropic setzt bei Teilen der Auswertung eigene Modelle ein und weist selbst darauf hin, dass eine einheitliche Vergleichsmethode zwischen den Laboren fehlt. 2 OpenAIs sechs Berichte beschreiben auffällige Einzelfälle. Sie sagen weder, wie häufig diese vorkommen, noch wie sich die eingesetzten Systeme im normalen Betrieb verhalten. 1
02 / KRYPTO
Der CLARITY Act scheitert im Senat
Am 15. September scheiterte der CLARITY Act im Senat an der Verfahrenshürde. 50 Senatoren stimmten dafür, 49 dagegen; für das weitere Verfahren wären 60 Stimmen nötig gewesen. 3
Das Gesetz sollte einen landesweiten Rahmen für Ausgabe und Handel digitaler Vermögenswerte schaffen und die Aufsicht zwischen SEC und CFTC aufteilen. Vier Republikaner stimmten gemeinsam mit allen Demokraten dagegen. Thom Tillis wechselte aus Verfahrensgründen ins Nein-Lager, damit eine erneute Abstimmung möglich bleibt. 3
Ein letzter Entwurf enthielt zusätzliche Ethikregeln und sollte Eingriffe ermöglichen, falls Stablecoin-Prämien zu einem größeren Abfluss von Bankeinlagen führen. 4 Den Demokraten gingen diese Änderungen nicht weit genug. Sie verlangten strengere Regeln für die Kryptogeschäfte des Präsidenten.
Als sich das Scheitern abzeichnete, verlor Bitcoin mehr als fünf Prozent. Die Aktien von Coinbase und Circle gaben zeitweise um bis zu zehn Prozent nach. 3
Warum es wichtig ist
Die Kryptobranche warb jahrelang und mit Ausgaben in dreistelliger Millionenhöhe für dauerhafte Regeln auf Bundesebene. Für 60 Stimmen reichte es trotzdem nicht. Vorerst werden Behörden und Gerichte die wichtigsten Vorgaben setzen. Eine spätere Regierung kann solche Regeln leichter wieder ändern als ein Gesetz.
Realitätscheck
Das Gesetz ist nicht endgültig gescheitert; verloren ging zunächst nur eine Verfahrensabstimmung. Es kann erneut eingebracht werden, während Bundesbehörden bereits auf Grundlage bestehender Gesetze Regeln ausarbeiten. Der Widerstand richtete sich zudem gegen einzelne Ethik- und Bankenfragen, nicht grundsätzlich gegen jede Kryptoregulierung.
03 / ROBOTIK
China bremst Börsengänge von Herstellern humanoider Roboter
Chinesische Aufsichtsbehörden bremsen informell einige geplante Börsengänge von Herstellern humanoider Roboter. Sie prüfen, ob die hohen Bewertungen und Umsätze aus staatlich gestützten Projekten tatsächlich auf eigenständige Kundennachfrage zurückgehen. 5 Eine mit dem Vorgang vertraute Person sprach von einem vorläufigen Stillstand. Eine andere betonte, dass es kein formelles Verbot gebe.
Auslöser war der unruhige Börsenstart von Unitree. Die Aktie stieg am ersten Handelstag auf mehr als das Fünffache ihres Ausgabepreises und verlor anschließend 55 Prozent vom Höchststand. 5 Mindestens sechs weitere chinesische Hersteller humanoider Roboter bereiten einen Börsengang vor.
Besonders genau prüfen die Behörden Datenerfassungszentren für Roboter und Joint Ventures mit lokalen Regierungen. 5 Bei einigen Projekten trugen lokale Regierungen 80 bis 90 Prozent der Anfangsinvestitionen. Dadurch ist unklar, welcher Teil der Umsätze von unabhängigen Kunden stammt.
Warum es wichtig ist
China hält am Ziel fest, bei humanoiden Robotern führend zu werden. Strenger wird jedoch die Prüfung der Unternehmen, die an die Börse wollen. Produktionsziele und Vorführungen reichen nicht mehr aus; Behörden und Investoren verlangen reale Einsätze, Folgeaufträge und Umsätze, die nicht von lokalen Regierungen abhängen.
Realitätscheck
Die Einschränkung ist nicht offiziell, und die Wertpapieraufsicht äußerte sich nicht dazu. Staatlich geförderte Projekte können durchaus sinnvolle Infrastruktur und Nachfrage schaffen. Außerdem liegt die Unitree-Aktie trotz des Rückgangs noch deutlich über ihrem Ausgabepreis. 6
04 / KI / INFRASTRUKTUR
Rechenzentren sollen für ihren Netzausbau zahlen
Am 16. September verabschiedete das US-Repräsentantenhaus den Ratepayer Protection Act mit 417 zu 3 Stimmen. Die Regulierungsbehörden der Bundesstaaten sollen prüfen, ob große Rechenzentren die gesamten Kosten neuer Strom- und Netzinfrastruktur tragen müssen, die für ihren Betrieb gebaut wird. 7
Der Gesetzentwurf gibt den Bundesstaaten lediglich eine Empfehlung; die Strommarktaufsicht bliebe bei ihnen. Eine schnelle Abstimmung im Senat kam nicht zustande, nachdem Senator Martin Heinrich seine Zustimmung verweigerte. Seiner Ansicht nach stützte sich der Vorschlag zu stark auf freiwillige Maßnahmen. 8
In derselben Woche wurden Kredite über rund 18 Milliarden Dollar für ein von Oracle angemietetes Rechenzentrum in New Mexico nur noch mit 89 bis 91 Cent je Dollar Nennwert bewertet. 9 Der Weiterverkauf der Kredite stockte. Gründe waren lokaler Widerstand wegen möglicher Folgen für Wasser und Luftqualität sowie Sorgen über Oracles wachsende Verschuldung.
Warum es wichtig ist
Die Kosten der KI-Infrastruktur werden nun an zwei Stellen zum Hindernis: bei den Stromrechnungen der Haushalte und am Kreditmarkt. Projektentwickler müssen zeigen, dass sie genügend Energie sichern, vor Ort Zustimmung gewinnen und den Bau finanzieren können, ohne einen zu großen Teil des Risikos auf Stromkunden oder Kreditgeber abzuwälzen.
Realitätscheck
Das Repräsentantenhaus verpflichtet die Bundesstaaten nicht, den vorgeschlagenen Standard zu übernehmen. Auch der weitere Weg durch den Senat ist offen. Die Oracle-Kredite sind nicht ausgefallen, und ihr Kurs steht für ein einzelnes Großprojekt, nicht für den gesamten Markt für Rechenzentren.