LOG 030 14. Sept. 2026 9 Min. Lesezeit

Warnung aus den eigenen Reihen

Der Anthropic-Forscher Jacob Coxon kündigte und warnte vor einem Wettlauf um selbstverbessernde KI. Außerdem legte OpenAI einen Lösungsvorschlag für das Navier-Stokes-Problem vor, Anthropic dokumentierte den Einsatz von Claude in Waffenprogrammen und XPeng nahm seine erste Fertigungslinie für IRON in Betrieb.

In diesem Log

01 / KI / SICHERHEIT

Ein Anthropic-Forscher kündigt

Am 8. September gab der Anthropic-Forscher Jacob Coxon seine Kündigung bekannt. Nach drei Jahren in der Entwicklung von Basismodellen bei OpenAI und Anthropic erklärte er, beide Unternehmen lieferten sich ein Rennen um selbstverbessernde Systeme und handelten dabei nicht verantwortungsvoll. 1

Coxon war erst seit vier Monaten bei Anthropic. Er verließ das Unternehmen zwei Monate, bevor er erstmals Anspruch auf seine zugesagten Aktien erhalten hätte. Nach eigenen Angaben hatte er nicht beobachtet, dass Anthropic eine Sicherheitsprüfung übersprungen habe. Mit wachsendem Konkurrenzdruck steige seiner Ansicht nach jedoch die Gefahr, dass dies künftig geschehe. 2

Evan Hubinger, der bei Anthropic die Forschung zur sicheren Ausrichtung von KI leitet, stimmte Coxons grundsätzlicher Warnung öffentlich zu. Er schätzte persönlich die Wahrscheinlichkeit, dass KI innerhalb des nächsten Jahrzehnts zum Aussterben der Menschheit führt, auf mehr als zehn Prozent. Diese Zahl ist keine offizielle Prognose von Anthropic. 3

Vier Tage später kündigte CEO Dario Amodei an, unabhängigen Prüfern dauerhaft nahezu denselben Zugang wie internen Sicherheitsteams zu geben. Dazu gehören Arbeitsplätze, Firmenlaptops, interne Werkzeuge und das Recht, Ergebnisse zu veröffentlichen. 4 OpenAI-Chef Sam Altman sagte, sein Unternehmen werde ebenfalls externe Prüfer einbinden. Außerdem solle die Entwicklung langsamer verlaufen, als es technisch möglich wäre. 5

Warum es wichtig ist

Die Kündigung eines einzelnen Forschers wäre noch kein Zeichen für eine breitere Veränderung. In diesem Fall stimmte jedoch ein leitender Anthropic-Sicherheitsforscher öffentlich zu, und der CEO reagierte mit einer konkreten Kontrollmaßnahme. Entscheidend ist nun, welche unabhängigen Stellen vor der Veröffentlichung neuer Modelle tatsächlich Einblick erhalten.

Realitätscheck

Coxon war nur vier Monate bei Anthropic und legte keine Belege dafür vor, dass heutige Systeme menschlicher Kontrolle entkommen können. Seine und Hubingers Angaben zum Risiko sind persönliche Einschätzungen, keine gemessenen Wahrscheinlichkeiten oder wissenschaftlicher Konsens. Anthropic hat die Prüfer noch nicht benannt; die Regelung ist freiwillig.

02 / KI / WISSENSCHAFT

OpenAI legt eine Lösung für ein Millenniumproblem vor

Am 8. September veröffentlichte OpenAI einen Lösungsvorschlag für das Navier-Stokes-Problem zu Existenz und Glattheit. Der Beweis soll zeigen, dass in einer zunächst glatten dreidimensionalen Strömung innerhalb endlicher Zeit eine Singularität entstehen kann. Damit wäre eine der im offiziellen Millenniumproblem vorgesehenen Möglichkeiten nachgewiesen. 6

OpenAI setzte dafür ein internes Modell ein, das nach Angaben des Unternehmens deutlich leistungsfähiger ist als GPT-6 Astra. Rund 10.000 KI-Agenten arbeiteten 88 Stunden an der Lösung. Anschließend half Astra weitere 17 Stunden dabei, den Beweis in Lean formal darzustellen und zu prüfen. 6

Das Projekt begann, nachdem OpenAI von Fortschritten des Mathematikers Tristan Buckmaster und des Anthropic-Forschers Levent Alpöge bei einem verwandten Problem erfahren hatte. Buckmaster stellte deshalb die Frage, ob private Arbeiten in Codex oder Kenntnisse ihres Ansatzes OpenAI auf diese Spur gebracht hatten. 7 OpenAI erklärte später, eine interne Untersuchung habe ausgeschlossen, dass Buckmasters Eingaben in Codex direkt oder über das Training Einfluss auf das System hatten. 6

Warum es wichtig ist

Hier geht es nicht um einen weiteren Vergleichstest, sondern um einen öffentlich prüfbaren mathematischen Beweis. Bestätigt ihn die Fachwelt, hätte ein Verbund von KI-Agenten ein Problem gelöst, an dem Mathematiker seit Jahrzehnten arbeiten. Der Streit berührt außerdem eine praktische Frage: Können Forscher einem KI-Werkzeug unveröffentlichte Arbeit anvertrauen, ohne später mit dessen Hersteller zu konkurrieren?

Realitätscheck

Das Clay Mathematics Institute führt das Problem weiterhin als ungelöst. Unabhängige Mathematiker müssen das Argument und seine Formalisierung noch prüfen. 8 Lean kontrolliert den formalisierten Beweis Schritt für Schritt. Ob die Voraussetzungen stimmen und die mathematische Fragestellung korrekt in Lean abgebildet ist, muss dennoch die Fachwelt beurteilen. Da OpenAI erst nach Hinweisen auf externe Fortschritte begann, ist auch die Frage der wissenschaftlichen Anerkennung nicht geklärt. 7

03 / KI / SICHERHEIT

Claude wurde für Waffensoftware eingesetzt

Am 10. September legte Anthropic sechs Fälle offen, in denen Akteure Claude für konventionelle Waffenprogramme eingesetzt hatten. In vier Fällen ging es um Software für Waffensysteme; in zwei weiteren um Beschaffung oder Informationsgewinnung. 9

Eine Gruppe im Norden Jemens nutzte Claude Code, um Steuerungs- und Navigationssoftware für eine gelenkte Rakete zu entwickeln und Raketenflüge zu simulieren. Nach einem anscheinend gescheiterten Test kehrte sie zu Claude zurück, um den Fehler zu suchen. Anthropic fand keine Hinweise darauf, dass daraus eine einsatzfähige Waffe entstand. 9

Ein Team in Russland nutzte Claude, um Software für einen autonomen Schwarm von Angriffsdrohnen zu entwickeln, und übertrug den Code auf echte Entwicklungsplatinen. Zwei Akteure in China arbeiteten mit Claude an der Feuerleitung eines Anti-Torpedo-Systems und an Software, die Ziele für elektronische Kampfführung und die Unterdrückung gegnerischer Flugabwehr priorisierte. 10

Warum es wichtig ist

Die Akteure verfügten bereits über technisches Wissen und passende Hardware. Claude verringerte jedoch den Bedarf an spezialisierten Softwareentwicklern. Dadurch können kleine Teams Steuerung, Simulation, Zielauswahl und Tests schneller bearbeiten, auch wenn das Modell die eigentliche Waffe nicht bauen kann.

Realitätscheck

Die Belege stammen aus Anthropics eigenen Nutzerdaten und wurden nicht vollständig unabhängig geprüft. Die Fälle ereigneten sich zwischen Dezember 2025 und August 2026, nicht allein in dieser Woche. Anthropic sperrte die Konten; bei keinem der vier Softwareprojekte ist eine einsatzfähige Waffe bestätigt.

04 / ROBOTIK

XPeng nimmt die IRON-Fertigungslinie in Betrieb

XPeng nahm am 8. September seine Fertigungslinie für humanoide Roboter in Betrieb. Nach Angaben des Unternehmens sind mehr als 80 Prozent der wichtigsten Fertigungsschritte automatisiert. Der erste IRON durchlief die Linie vollständig und verließ sie selbstständig. 11

XPeng will bis Ende 2026 mit der Serienproduktion beginnen. Die ersten Roboter sollen in den eigenen Geschäften und auf dem Firmengelände eingesetzt werden. Auslieferungen an Kunden in China und anderen Märkten sind für 2027 geplant. 11

Warum es wichtig ist

XPeng überträgt Verfahren aus der Automobilproduktion auf humanoide Roboter. Eine funktionierende Fertigungslinie ist konkreter als ein Prototyp oder ein angekündigtes Produktionsziel. Nun muss sich zeigen, ob die vorhandenen Fabriken und Qualitätskontrollen dem Autohersteller auch in der Robotik einen Vorteil verschaffen.

Realitätscheck

Ein einzelner fertiger Roboter beweist noch keine Serienproduktion. XPeng nennt weder dauerhaft erreichte Stückzahlen noch Ausschussquote, Stückkosten, externe Aufträge oder Betriebsergebnisse ausgelieferter Roboter. 12 Auch die Behauptung, es handle sich um die erste automatisierte Fertigungslinie dieser Art, wurde nicht unabhängig bestätigt.

5 Signale

Ariane 6 erhält ihr größtes Auftragspaket

Arianespace kündigte sieben Vereinbarungen und Absichtserklärungen für fast zehn Starts der Ariane 64 an. Es ist das größte Auftragspaket seit der Indienststellung der Ariane 6. 13 Amazon bestellte sechs zusätzliche Starts, Eutelsat zwei. Drei der übrigen Vereinbarungen betreffen lediglich eine mögliche spätere Zusammenarbeit und noch keine gebuchten Missionen. 13 Arianespace führt weiterhin deutlich weniger Starts durch als SpaceX. 14

Bitcoin-Unternehmen kaufen eigene Aktien zurück oder steigen aus

Strategy gab 176,3 Millionen Dollar für den Rückkauf seiner STRC-Vorzugsaktien aus und verdoppelte den genehmigten Rückkaufsrahmen auf zwei Milliarden Dollar. Neue Bitcoin kaufte das Unternehmen in dieser Woche nicht. 15 KULR verkaufte seine verbleibenden 764 Bitcoin für rund 58,6 Millionen Dollar und hält nun keine mehr. 16

IonQ verlagert die Qubit-Steuerung auf den Chip

IonQ stellte am 8. September Superion 256 vor. Die ersten Chips mit 256 Qubits wurden gefertigt, und in Prototypen konnten bereits Ionen eingefangen werden. Die Qubits werden elektronisch direkt auf dem Chip gesteuert, statt über ein separates Lasersystem. 17 Die Auslieferung an Kunden ist für 2027 geplant. Leistungsdaten eines vollständigen Systems mit 256 Qubits hat IonQ noch nicht veröffentlicht.

VR-Brillen verlieren, AR-Geräte legen zu

Im zweiten Quartal wurden weltweit 18 Prozent weniger VR-Headsets ausgeliefert als ein Jahr zuvor. Bei AR-Geräten stieg die Zahl dagegen um 138 Prozent. Die Zahlen deuten auf sinkende Nachfrage nach VR-Headsets und starkes Wachstum bei leichteren AR-Brillen hin. Gemessen wurden jedoch Auslieferungen, nicht Umsatz oder regelmäßige Nutzung. 18

Gentherapie verändert Altersmarker bei Hunden

In einer verblindeten Studie mit 24 mindestens zehn Jahre alten Beagles senkte eine SIRT6-Gentherapie laut Genflow das von einem DNA-Methylierungstest gemessene biologische Alter. 19 Die vollständigen Ergebnisse werden erst im Oktober vorgestellt. Ein veränderter Altersmarker beweist weder ein längeres Leben noch eine längere gesunde Lebenszeit der Hunde.

Roter Faden

Bei allen vier Hauptthemen stammt ein Teil der entscheidenden Angaben von den Personen oder Unternehmen, die selbst im Mittelpunkt stehen. Coxons Kündigung ist öffentlich, seine Risikoeinschätzung bleibt jedoch persönlich. OpenAI legte einen Beweis vor, aber noch keine unabhängige Bestätigung. Anthropic dokumentierte den Waffeneinsatz anhand eigener Nutzerdaten. XPeng zeigte einen Roboter am Ende der Fertigungslinie, aber noch keine laufende Serienproduktion.

Entscheidend ist, was sich unabhängig prüfen lässt. Anthropic will externen Prüfern Einblick in interne Abläufe geben. Mathematiker können OpenAIs Beweis untersuchen, und XPeng kann Produktions- und Kundendaten veröffentlichen. Die Waffenfälle bleiben am schwersten zu überprüfen, weil die zugrunde liegenden Nutzerdaten nicht öffentlich sind.

Der nächste Log erscheint nächste Woche.

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