LOG 007 30. März 2026

Alles wird schneller

Anthropic gab Claude Zugriff auf den gesamten Computer und legte kurz darauf versehentlich Details zu seinem nicht veröffentlichten Cybermodell Mythos offen. Während Bitcoin weiter fiel, verkauften Miner Bestände im Wert von 1,1 Milliarden Dollar, um in KI-Rechenzentren zu investieren. Eli Lilly schloss einen möglichen 2,75-Milliarden-Dollar-Vertrag für KI-gestützte Medikamentenentwicklung. Ein ALS-Patient sprach über Neuralink wieder mit seiner eigenen Stimme. In Kyoto hält inzwischen ein Roboter buddhistische Predigten.

In diesem Log

1. Anthropic gibt Claude Zugriff auf den Computer (KI)

Am 23. März veröffentlichte Anthropic Claude Computer Use. Damit kann das Modell selbstständig Programme, Browser und Dateien auf einem Computer bedienen. Zusätzliche Schnittstellen sind dafür nicht nötig. Über Dispatch lässt sich Claude vom Smartphone aus anweisen, während es auf dem eigenen Rechner arbeitet. Insgesamt brachte Anthropic in dieser Woche neun neue Funktionen heraus. 1

Drei Tage später wurden durch einen Fehler im Content-Management rund 3.000 unveröffentlichte Dateien von Anthropics Website zugänglich. Darunter waren Angaben zu einem internen Modell mit dem Codenamen Capybara und dem Produktnamen Claude Mythos. 2 Ein Entwurf für einen Blogbeitrag beschrieb Mythos als deutlich leistungsfähiger bei Cyberangriffen als andere Modelle und warnte vor entsprechend großen Sicherheitsrisiken. 3 Anthropic will das Modell deshalb zunächst nur ausgewählten Cybersicherheitsexperten zugänglich machen. Es soll oberhalb der Modellreihen Opus und Sonnet liegen.

Warum es wichtig ist

Mit Computer Use wird Claude von einem Chatprogramm zu einem System, das selbst mit digitalen Werkzeugen arbeitet. Mythos zeigt die andere Seite derselben Entwicklung: Je besser Modelle Software bedienen und verstehen, desto leichter können sie auch Schwachstellen suchen und ausnutzen.

Realitätscheck

Computer Use braucht weiterhin Aufsicht. Anthropic empfiehlt bei sensiblen Aufgaben ausdrücklich eine menschliche Kontrolle. Die Angaben zu Mythos stammen zudem aus einem Entwurf und nicht aus einer unabhängigen Bewertung. Wie leistungsfähig das Modell tatsächlich ist, lässt sich daraus allein nicht ableiten.

2. Neuralink gibt einem ALS-Patienten seine Stimme zurück (BCI)

Kenneth Shock, der zweite Mensch mit einem Neuralink-Implantat, kann allein über seine Hirnaktivität kommunizieren. Das System wandelt seine beabsichtigten Wörter in hörbare Sprache um und nutzt dabei eine aus alten Aufnahmen rekonstruierte Version seiner eigenen Stimme. 4 Shock lebt mit ALS und verlor zunehmend die Fähigkeit zu sprechen. Die Gehirn-Computer-Schnittstelle erkennt Sprachabsichten in den neuronalen Signalen und gibt sie in Echtzeit mit einer Stimme wieder, die seiner früheren Stimme ähnelt.

Warum es wichtig ist

Weltweit leben schätzungsweise 300.000 Menschen mit ALS. Viele weitere verlieren ihre Sprache durch Schlaganfälle, Hirnverletzungen oder Parkinson. Ein System, das nicht nur Wörter ausgibt, sondern die vertraute Stimme eines Menschen rekonstruiert, kann Kommunikation persönlicher und leichter verständlich machen.

Realitätscheck

Zwei Patienten reichen nicht aus, um Wirksamkeit und Sicherheit zu beurteilen. Das Implantat erfordert eine Gehirnoperation, und Langzeitdaten fehlen. Bislang funktioniert das System unter kontrollierten Bedingungen. Ob es bei unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen zuverlässig arbeitet, ist offen. Eine breite Zulassung liegt noch Jahre entfernt.

3. Miner verkaufen Bitcoin für KI-Rechenzentren (Krypto)

Bitcoin fiel innerhalb einer Woche von rund 72.000 auf 66.350 Dollar. Am 27. März liefen auf Deribit Kryptooptionen im Wert von mehr als 14 Milliarden Dollar aus, die größte vierteljährliche Abrechnung von Derivaten im Jahr 2026. 5 MARA Holdings verkaufte 15.133 Bitcoin für 1,1 Milliarden Dollar. Mit dem Erlös tilgte das Unternehmen 30 Prozent seiner Wandelschulden und will einen Teil seiner 2,8 Gigawatt Rechenleistung für KI-Rechenzentren nutzen. 6 Core Scientific verkaufte seinen gesamten Bitcoin-Bestand und nahm bei Morgan Stanley einen Kredit über 500 Millionen Dollar für KI-Infrastruktur auf. 7

Strategy kündigte dagegen ein neues Finanzierungsprogramm über 42 Milliarden Dollar an, je zur Hälfte über Stamm- und Vorzugsaktien. Bis Ende 2026 will das Unternehmen eine Million Bitcoin halten. 8 Allein in den vorangegangenen 30 Tagen kaufte Strategy 45.000 Bitcoin und erhöhte seinen Gesamtbestand auf 762.099. Gleichzeitig zeigten Blockchain-Daten, dass große Halter während des Kursrückgangs zukauften, während viele Kleinanleger verkauften.

Warum es wichtig ist

Die großen Unternehmen verfolgen inzwischen gegensätzliche Strategien. Strategy setzt weiter auf Bitcoin selbst. Miner wie MARA und Core Scientific sehen den größeren Wert dagegen in Stromanschlüssen und Rechenzentren, die sich für KI vermieten lassen.

Realitätscheck

Strategy muss die angekündigten 42 Milliarden Dollar erst am Kapitalmarkt aufnehmen. Bei fallenden Kursen und schwächerer Nachfrage kann das teuer oder unmöglich werden. Die Käufe eines einzelnen Unternehmens belegen außerdem keinen dauerhaften Tiefpunkt bei Bitcoin.

4. Lilly setzt auf KI-entwickelte Medikamente (Langlebigkeit)

Eli Lilly schloss mit dem Hongkonger Unternehmen Insilico Medicine einen Vertrag über bis zu 2,75 Milliarden Dollar. Davon werden 115 Millionen Dollar sofort gezahlt. 9 Insilico nutzt 42 KI-Modelle, um neue Wirkstoffkandidaten zu entwerfen. PandaOmics sucht geeignete Zielproteine, weitere Systeme berechnen mögliche Molekülstrukturen. Einen Wirkstoff gegen Fibrose brachte das Unternehmen nach 18 Monaten in die klinische Prüfung. Klassische Verfahren benötigen dafür oft vier bis sechs Jahre. 10 Insgesamt befinden sich inzwischen vierzehn mit KI entdeckte Wirkstoffe des Unternehmens in klinischen Studien.

Warum es wichtig ist

Die Entwicklung neuer Medikamente ist teuer und scheitert in rund 90 Prozent der Fälle. Wenn KI schneller geeignete Moleküle findet, können Unternehmen mehr Ansätze parallel prüfen und auch kleinere Krankheitsfelder wirtschaftlich bearbeiten. Die aufwendigen klinischen Studien bleiben jedoch bestehen.

Realitätscheck

Der Eintritt in eine klinische Studie bedeutet noch keine Zulassung. Mehr als 90 Prozent der Wirkstoffe scheitern während der Prüfungen. KI kann Kandidaten schneller erzeugen, aber nicht vorhersagen, wie der menschliche Körper in jedem Fall reagiert. Der größte Teil der 2,75 Milliarden Dollar ist zudem an Meilensteine gebunden.

5. Der Roboter-Mönch von Kyoto (Robotik)

Im Shoren-in-Tempel in Kyoto sitzt ein Roboter in Gebetshaltung und hält buddhistische Predigten. Der sogenannte Buddharoid wurde von der Universität Kyoto gemeinsam mit dem Tempel entwickelt. Sein BuddhaBot-Plus-System wurde mit buddhistischen Schriften aus mehr als tausend Jahren trainiert. 11

In Japan schließen immer mehr Tempel. Die Bevölkerung altert, weniger junge Menschen werden Priester, und besonders ländliche Gemeinden finden kaum Nachfolger. Der Roboter soll Predigten dort verfügbar machen, wo menschliches Personal fehlt.

Warum es wichtig ist

Der Einsatz zeigt, wie eine alternde Gesellschaft auf Personalmangel reagiert. Automatisierung erreicht damit auch religiöse Aufgaben, die lange als rein menschlich galten. Ähnliche Versuche dürften in anderen Bereichen folgen, in denen Nachwuchs fehlt.

Realitätscheck

Ein Roboter in einem Tempel ist noch kein breiter Trend. Buddhistische Gelehrte sind uneins, ob eine maschinell vorgetragene Lehre religiöse Autorität haben kann. Die Schließung vieler Tempel hängt außerdem mit Urbanisierung und Säkularisierung zusammen. Ein Roboter löst diese Ursachen nicht.

Signale

Jensen Huang erklärt AGI für erreicht

Nvidia-Chef Jensen Huang sagte am 22. März im Podcast von Lex Fridman, allgemeine künstliche Intelligenz sei bereits erreicht. 12 Seine Definition ist allerdings ungewöhnlich: Ein System müsse selbstständig ein Milliardenunternehmen aufbauen können. Das unterscheidet sich deutlich von den üblichen wissenschaftlichen Maßstäben. Die Nvidia-Aktie stieg um 1,7 Prozent, KI-bezogene Kryptotoken um 10 bis 20 Prozent.

Anthropic gewinnt einstweilige Verfügung gegen das Pentagon

Bundesrichterin Rita Lin stoppte vorläufig die Einstufung Anthropics als Risiko für die Lieferkette. Das Pentagon hatte sie verhängt, nachdem Anthropic den Einsatz von Claude für autonome Waffen abgelehnt hatte. 13 Die Entscheidung setzt einen ersten rechtlichen Maßstab dafür, wie weit das Militär KI-Unternehmen wegen ihrer Nutzungsregeln sanktionieren darf.

OpenAI stellt Sora ein und plant Aktienverkauf für Beschäftigte

OpenAI stellte sein Videomodell Sora sechs Monate nach dem Start ein. 14 Disney wurde weniger als eine Stunde vor der Öffentlichkeit informiert; damit endete auch eine geplante Partnerschaft über eine Milliarde Dollar. Unabhängig davon bot OpenAI Beschäftigten an, einen Teil ihrer Aktien bei einer Unternehmensbewertung von 300 Milliarden Dollar zu verkaufen. 15

NYSE plant Handelsplatz für tokenisierte Wertpapiere

Die New York Stock Exchange vereinbarte mit Securitize den Aufbau einer Plattform für tokenisierte Aktien und ETFs. Der Handel soll rund um die Uhr möglich sein, die Abwicklung über eine Blockchain erfolgen. 16 Securitize soll die digitalen Wertpapiere auf der Plattform ausgeben. Nasdaq hat für ein eigenes System bereits die Genehmigung der SEC.

David Sacks beendet seine Rolle im Weißen Haus

Der Beauftragte des Weißen Hauses für Krypto und KI erreichte die auf 130 Tage begrenzte Amtszeit und wechselte in eine beratende Rolle. 17 Der Wechsel fällt in eine entscheidende Phase der Verhandlungen über den CLARITY Act.

Senatoren einigen sich beim Stablecoin-Zins

Die Senatoren Tillis und Alsobrooks erzielten mit dem Weißen Haus eine Grundsatzeinigung zur Verzinsung von Stablecoins im CLARITY Act. Dieser Punkt hatte das Gesetz bisher besonders stark blockiert. 18 Banken fürchten, verzinste Stablecoins könnten Einlagen abziehen. Die Kryptobranche warnt dagegen vor Nachteilen für US-Anbieter. Der Kompromiss erhöht die Chance, dass das wichtigste US-Kryptogesetz seit der ETF-Zulassung weiterkommt.

Tether beauftragt erstmals eine vollständige Prüfung

Tether beauftragte eine nicht genannte große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit der ersten vollständigen Prüfung seiner USDT-Reserven im Wert von 184 Milliarden Dollar. 19 Bisher veröffentlichte das Unternehmen lediglich Bestätigungen mit geringerem Prüfungsumfang.

Google hält einen Quantenangriff ab 2029 für möglich

Google verkürzte seine Schätzung für den Zeitpunkt, ab dem Quantencomputer heutige Verschlüsselung brechen könnten, auf das Jahr 2029. 20 Google Research wies außerdem darauf hin, dass viele Blockchains ECDLP-256 verwenden. Dieses Verfahren wäre durch ausreichend leistungsfähige Quantencomputer angreifbar. Die Umstellung auf quantensichere Verfahren werde deshalb dringlicher. 27

IBM überprüft Quantensimulation an einem realen Kristall

IBM und das US-Energieministerium simulierten mit einem Heron-Prozessor mit 50 Qubits die magnetischen Eigenschaften eines Kalium-Kupfer-Fluorid-Kristalls. Die Ergebnisse wurden mit Messungen des Oak Ridge National Laboratory verglichen. 21 Damit wurde das Ergebnis eines Quantencomputers erstmals direkt an experimentellen Daten und nicht nur an einer klassischen Simulation geprüft.

Gemini kommt auf 20.000 Robotersysteme

Google DeepMind integriert seine Gemini-Robotics-Modelle gemeinsam mit dem Münchner Unternehmen Agile Robots in mehr als 20.000 bereits eingesetzte Robotersysteme. 22 Google erhält dadurch Betriebsdaten aus Fabriken in einem Umfang, den reine Labortests kaum liefern können.

SpaceX erwägt großen Anteil für Privatanleger beim Börsengang

SpaceX strebt für seinen geplanten Börsengang eine Bewertung von 1,75 Billionen Dollar an. Musk will 30 Prozent der angebotenen Aktien für Privatanleger reservieren, etwa dreimal so viel wie üblich. 23 Damit wäre es der größte Börsengang der Geschichte.

NASA legt Plan für Mondbasis vor

Die NASA stellte den Plan für eine dauerhafte Mondbasis mit geschätzten Kosten von 20 Milliarden Dollar vor. Sie soll Teil des Artemis-Programms werden. 24 Die Besatzung von Artemis II traf am 27. März im Kennedy Space Center ein. Der Start zur ersten bemannten Mondmission seit 1972 ist für den 1. April geplant.

Microsoft und Nvidia entwickeln KI für Kernkraftwerke

Microsoft und Nvidia kündigten die gemeinsame Initiative AI for Nuclear an. Ihre Werkzeuge sollen Genehmigungen, Planung und Betrieb von Kernkraftwerken effizienter machen. 25

Meta veröffentlicht TRIBE v2 für Hirnsignale

Metas Trimodal Brain Encoder sagt Reaktionen des Gehirns auf Bilder und Töne voraus. Trainiert wurde das System mit mehr als 500 Stunden fMRT-Daten von über 700 Personen. 26

Roter Faden

Hinter den sichtbaren Kursbewegungen liefen diese Woche langfristige Entscheidungen. Miner verkauften Bitcoin, um ihre Strom- und Rechenzentrumsinfrastruktur für KI zu nutzen, während Strategy weiter zukaufte. Anthropic machte Claude zugleich handlungsfähiger und schränkte sein stärkstes Cybermodell ein. Unternehmen und Behörden warten nicht auf vollständige Klarheit. Sie sichern sich schon jetzt Kapital, Daten, Infrastruktur und rechtliche Positionen für die nächsten Jahre.

Der nächste Log erscheint nächste Woche.

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